Seit 2000 verbindet die Deutsche Spezialabteilung am Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Temeswar das deutsche Abitur mit dem rumänischen Bacalaureat. Ihre Geschichte ist ein gemeinsames Bildungsprojekt: der Lenauschule und der rumänischen Bildungsbehörden, der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, der Kultusministerkonferenz und des Auswärtigen Amts.
1989–2000
Eine gemeinsame Bildungsaufgabe
Nach dem Umbruch von 1989 entstehen neue Möglichkeiten der deutsch-rumänischen Zusammenarbeit. Die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) entwickelt gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz (KMK) das Modell eines Bildungsgangs, der zu einem Abschluss mit Hochschulzugang in beiden Ländern führt. Ein Wegbereiter ist Walter Schmidt, später Leiter der ZfA: Bereits 1993 besucht er die Lenauschule. Fachberatung und die Vermittlung deutscher Lehrkräfte vertiefen die Zusammenarbeit mit den rumänischen Bildungsbehörden.
Die Aufgaben ergänzen sich: Die ZfA unterstützt den Aufbau personell und pädagogisch; die KMK schafft die schulfachlichen Voraussetzungen für den deutschen Abschluss und sichert dessen Qualität und Vergleichbarkeit. Das Auswärtige Amt, unter dessen Fachaufsicht die ZfA arbeitet, trägt die Förderung im Rahmen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Botschaft und Konsulat begleiten die Zusammenarbeit vor Ort, die deutschen Bundesländer stellen Lehrkräfte zur Verfügung. Die rumänischen Partner verankern den gemeinsamen Bildungsgang im eigenen Schulwesen.
1998 setzt sich der damalige Lenau-Schulleiter Ovidiu Ganţ bei Bildungsminister Andrei Marga dafür ein, Temeswar als weiteren Standort einer Deutschen Spezialabteilung vorzusehen. Gemeinsam mit Helene Balogh-Szabo, Simona Lobonţ, der Fachberaterin Ingesuse Fues und deren Koordinator Manfred Egenhoff bringt er das Vorhaben voran. Die lange Tradition deutschsprachigen Unterrichts an der Lenauschule bietet dafür eine Grundlage.
Der zunächst für 2001/02 vorgesehene Start wird vorgezogen: Die deutsche Botschaft unterstützt dies im Namen des Auswärtigen Amts; Ganţ und Fues gewinnen auch die zuständigen Ländervertreter in der KMK dafür. Nachdem Dr. Karl-Ernst Friederich die Leitung zusagt, entscheidet die KMK für den Beginn am 1. September 2000. Den Rahmen bildet das deutsch-rumänische Abkommen über schulische Zusammenarbeit.
Am 1. September 2000 beginnt die Deutsche Spezialabteilung offiziell ihren Betrieb. Zur feierlichen Eröffnung am folgenden Tag kommen Staatspräsident Emil Constantinescu und Bildungsminister Andrei Marga. Im Schuljahr 2000/01 starten 50 Schülerinnen und Schüler in zwei neunten Klassen. Die neue Abteilung bleibt Teil der Lenauschule – mit einem besonderen deutsch-rumänischen Bildungsauftrag.

2000–2005
Gemeinsam lernen, gemeinsam aufbauen

Leitung 2000–2005
Archivscan; Jahrbuch 2004/05, S. 2.
Die ersten Jahre sind Pionierarbeit. Deutsche und rumänische Lehrkräfte stimmen Unterricht, Anforderungen und Arbeitsweisen aufeinander ab. In den Parallelklassen arbeiten sie zeitweise im Tandem. Fragen stellen, eigene Gedanken entwickeln und Ergebnisse begründen: Solche Formen selbstständigen Lernens werden zu einem wichtigen Teil des Unterrichts.
Deutsch, Mathematik und Geschichte erhalten im gemeinsamen Bildungsgang einen besonderen Stellenwert. Gleichzeitig bleibt die Verbindung zum rumänischen Curriculum bestehen. Für die Jugendlichen eröffnet sich damit ein Weg zu zwei Abschlüssen und zu Studienmöglichkeiten über Landesgrenzen hinweg.
2004 besteht der erste Jahrgang das Abitur – alle Kandidatinnen und Kandidaten sind erfolgreich. Die Vorbereitung und Durchführung der Prüfungen werden von der KMK begleitet: Aufgaben werden mit ihrer Prüfungsbeauftragten abgestimmt, die auch zur mündlichen Prüfung nach Temeswar kommt. Bei der ersten Zeugnisverleihung sind die deutsche Botschaft, das Konsulat und rumänische Bildungspartner vertreten. Für die junge Abteilung und ihren bis 2005 tätigen ersten Leiter Karl-Ernst Friederich ist dies ein entscheidender Meilenstein.
2005–2014
Ein eigenes Profil wächst

Leitung 2005–2014
Foto: privat; Jahrbuch 2013/14, S. 7.
Von 2005 bis 2014 leitet Dr. Gert Kleinstück die DSA. Die Abteilung entwickelt ihr pädagogisches Profil weiter und arbeitet mit der Deutschen Spezialabteilung in Bukarest zusammen. 2006 entstehen ein gemeinsames Logo und gemeinsame Leitgedanken.
Das Jahrbuch 2009/10 zeigt bereits die beiden Ausrichtungen Mathematik-Informatik (MI) und Sozialwissenschaften (SW). Die Entwicklung verläuft nicht geradlinig: Zeitweise gibt es nur eine Klasse pro Jahrgang. Konstant bleibt der Anspruch, fachliches Lernen mit deutscher Sprache, eigenständigem Denken und persönlicher Entwicklung zu verbinden.
Zum Unterricht treten Praktika, Studienfahrten und europäische Begegnungen. Berlin und Wien, Theaterarbeit, Debatten und Projekte zur Studienorientierung öffnen den Blick über das Klassenzimmer hinaus. Die Jahrbücher halten diese Erfahrungen aus der Sicht der Jugendlichen fest. Zum zehnjährigen Bestehen 2010 kann die DSA bereits auf mehrere Abiturjahrgänge zurückblicken.
2014–2019
Bewährtes fortführen, neue Räume öffnen

Leitung 2014–2020
Foto: Iulia Sucutardean; Jahrbuch 2019/20, S. 8.
2014 übernimmt Sigrid Kadur die Leitung. In den folgenden sechs Jahren bleiben anspruchsvoller Unterricht, Austausch und gemeinschaftliche Projekte eng miteinander verbunden. Die Jahrbücher erzählen von Klassenfahrten und Wettbewerben ebenso wie von Praktika, Zukunftsplänen und dem Alltag zwischen zwei Bildungssystemen.
Ein wichtiger Entwicklungsschritt ist die Rückkehr des sozialwissenschaftlichen Zweigs 2019: Die DSA nimmt wieder zwei neunte Klassen auf. Die Jubiläumspublikation erinnert in diesem Zusammenhang auch an die Unterstützung durch die langjährige Lenau-Schulleiterin Helene Wolf und Ovidiu Ganţ. Dass die Abteilung weiterwachsen kann, ist immer auch das Ergebnis persönlichen Engagements.
2020–2022
Schulalltag in der Corona-Zeit

Leitung 2020–2022
Foto: privat; ADZ, 24. September 2020.
Die Corona-Pandemie prägt diese Jahre: Schulschließungen, Distanzunterricht und wechselnde Regeln verändern den Alltag. Studienfahrten und Praktika müssen zeitweise ausfallen. Unter Constanze Klein, die 2020 die Leitung übernimmt, halten Lehrkräfte, Jugendliche und Familien den Unterricht gemeinsam aufrecht.
Die Jahrbücher berichten von digitalen Unterrichtsformen, abgesagten Vorhaben und Projekten, die dennoch stattfinden. Auch unter diesen Bedingungen gelingt der Weg zum Abitur: 2021 liegt der Durchschnitt bei 1,32; acht der 25 Absolventinnen und Absolventen erreichen die Note 1,0. Die Erfahrungen der Pandemie schärfen zugleich das Bewusstsein dafür, wie wichtig persönlicher Austausch und ein verlässlicher Schulalltag sind.
Seit 2023
Bildung – Made in Europe
Seit 2023 leitet Frank Lembke die Deutsche Spezialabteilung. Ihr Profil steht für „Bildung – Made in Europe“: auch im bundesdeutschen Vergleich außerordentliche Abiturergebnisse, zahlreiche Studienstipendien für ihre Absolventinnen und Absolventen sowie Erfolge bei internationalen Wettbewerben. Grundlage ist das gemeinsame Bemühen des deutsch-rumänischen Kollegiums um hohe Unterrichtsqualität – verbunden mit dem Anspruch, junge Menschen auf ein Studium und ein selbstbestimmtes Leben in Europa vorzubereiten.

2025
25 Jahre – und viele Geschichten
Am 15. Mai 2025 feiert die DSA ihr 25-jähriges Bestehen im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus, gemeinsam mit der 30 Jahre alten Spezialabteilung in Bukarest. Ovidiu Ganț erinnert an die Gründung in Temeswar und seinen Einsatz für den Fortbestand der Abteilung. Vertreter rumänischer und deutscher Institutionen würdigen die langjährige Zusammenarbeit.

Frank Lembke und Elmar Wulff stellen den von ihnen herausgegebenen Band Mehr als ein Vierteljahrhundert Deutsche Spezialabteilungen in Rumänien vor. Gründungsbeteiligte, Lehrkräfte und Ehemalige aus Temeswar und Bukarest erzählen darin ihre Geschichte. Die Einleitung beschreibt den Wandel von der Unterstützung des deutschsprachigen Schulwesens zu einer eigenständigen europäischen Bildungspartnerschaft.

Die Erfolge der Jugendlichen reichen über das Abitur hinaus: Dazu gehören internationale Wettbewerbssiege wie bei „Jugend debattiert – Europa“, ebenso wie zahlreiche Studienstipendien. Sachlich argumentieren, genau zuhören und einen eigenen Standpunkt vertreten gehören zum Bildungsverständnis der Abteilung.
Zum Weiterlesen
Diese Darstellung wurde aus der Jubiläumspublikation, den Jahrbüchern und zeitgenössischen Berichten zusammengestellt. Stand: September 2026.
- Frank Lembke / Elmar Wulff (Hg.): Mehr als ein Vierteljahrhundert Deutsche Spezialabteilungen in Rumänien. Cosmopolitan Art, Timișoara 2025, Banater Bibliothek 28. Zur institutionellen Zusammenarbeit: Grußwort der Präsidentin der Bildungsministerkonferenz, S. XI–XIII; gemeinsames Grußwort von Auswärtigem Amt, Botschaft und Konsulat, S. XV–XVII; Heike Toledo, Vision und Verantwortung, S. 33–38. Zur Gründung und zum ersten Abitur: Ovidiu Ganţ und Karl-Ernst Friederich, S. 45–55. Ergänzend: Einleitung, S. 23–30, und historische Aufnahmen, S. 57–60.
- Kultusministerkonferenz: Auslandsschulwesen – gemeinsame Verantwortung von Bund und Ländern, zu Schulaufsicht, Prüfungsstandards und Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt und der ZfA.
- Jahrbuch 2000/01 und Jahrbuch 2003/04: Gründung, erste Schuljahre und erster Abiturjahrgang.
- Jahrbuch 2009/10 und Jahrbuch 2013/14: Profilentwicklung, Projekte und Rückblicke.
- Jahrbuch 2019/20 und Jahrbuch 2020/21: SW-Zweig, Leitungswechsel und Lernen während der Pandemie.
- Raluca Nelepcu: Ein Symbol der deutsch-rumänischen Verbundenheit, ADZ, 21. Mai 2025, zum Jubiläumsfest.
- Zentralstelle für das Auslandsschulwesen: „Mehr als ein Vierteljahrhundert“ – Jubiläum der Deutschen Spezialabteilungen in Rumänien, 27. Mai 2025. Bericht und Fotos aus Temeswar; Quelle: Nikolaus-Lenau-Lyzeum / DSA.
- Weitere Erinnerungen und aktuelle Entwicklungen finden sich in unseren Jahrbüchern und unter Aktuelles.
